In seinem jährlichen ‚Letter to Shareholder‘ ist Amazons CEO diesmal recht offen. Er nennt viele Zahlen. Ich bin mir aber sicher, dass er diese Wahrheit seiner Zahlen gar nicht gut finden wird: Gerade mal 5% seiner Marktplatzhändler handeln erfolgreich auf Amazons Marketplace.

Die bittere Wahrheit

Nur 140.000 aller Amazon Merchants generierten einen Umsatz von mehr als 81.000 €. Und das weltweit. Bittere Zahlen, denn ein solcher Umsatz kann kaum genug Ertrag bringen, um davon zu leben. Von diesem Umsatz sind ja noch Steuern, die Gebühren und natürlich der Einstandspreis abzuziehen. Was dann übrig bleibt, ist fast nichts. Wer also 81.000 € Umsatz macht, bei dem bleiben nach Abzug der Umsatzsteuer in De 68.067 € übrig. Hiervon gehen noch einmal circa 20% an direkten und indirekten Marktplatzkosten ab. Also minus 16.200 €. Bleiben 51.867 €. Und davon muss jetzt die Ware eingekauft werden. Unterstellen wir großzügig einen Rohertrag von 50%, dann verbleiben 25.933 € VOR Steuern und weiteren Kosten. Ziehen wir davon ein paar Tool-Kosten, den Steuerberater und eine kleine Pauschale sonstiger Kosten ab und rechnen es auf den Monat um, dann reden wir hier von einem Bruttoeinkommen von nicht einmal 2.000 €. Das ist schon sehr nahe an der Armutsgrenze! (Diese liegt bei einem Nettolohn (!!) kleiner als 1.952€ für Paare). Und bitte seht, dass das noch sehr großzügig gerechnet ist. Sein wir ehrlich, kaum einer von euch wird einen Rohertrag von 50% haben.

(Einkommensgrenzen zur Einstufung in Arm und Reich für Singles und Paare auf Basis des monatlichen Nettoeinkommens)

Die meisten Händler sind auf Amazon erfolglos

Auch das liefert Jeff Bezos allen auf dem Silbertablett. Denn er schreibt:

„Millionen von kleinen und mittleren Unternehmen weltweit verkaufen mittlerweile ihre Produkte über Amazon, […] . Mehr als 140.000 KMU übertrafen im Jahr 2017 die 100.000 $-Marke bei Amazon[…].“

Wenn es also Millionen an Merchants auf Amazon Marketplace gibt und nur 140.000 einen Umsatz von mehr als 81.000€ erwirtschaften, dann bedeutet das umgekehrt, dass über 95% aller Händler auf Amazon weniger als 81.000€ pro Jahr umsetzen.

Arm werden mit Amazon

300.000 amerikanische Händler starteten 2017 auf Amazon, in der Hoffnung, erfolgreich zu sein. Nur das werden wohl die wenigsten von ihnen schaffen. Wenn nicht einmal 5% ALLER Händler einen Umsatz von mehr als 81.000 € erreichen, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass einer der Starter erfolgreich wird, im Promillebereich.

„Over 300,000 U.S.-based SMBs started selling on Amazon in 2017, […]“ , so Jeff Bezos

Mehr als 95% der Marktplatz-Händler werden also recht schnell merken, dass sich ihr Traum vom schnellen Reichtum mit Amazon oder Amazon FBA ausgeträumt hat.
Im Jahr 2017 ist das Insolvenzrisiko der amerikanischen Firmen und KMU bereits um mehr als 1% angestiegen, so berichtet der Kreditversicherer Euler Hermes. Das Unternehmen schreibt:

„Die Zahl der Firmen und Neugründungen ist schneller gestiegen als die Gewinnmargen. Das führt in einigen Bereichen automatisch zu steigenden Insolvenzzahlen, da junge Firmen in der Regel eine wesentlich höhere Ausfallrate haben als etablierte Unternehmen.“

Das trifft sicher nicht nur für den amerikanischen Markt zu, auch Europa und Deutschland sind in dieser Betrachtung inkludiert.

Das wollte Jeff Bezos uns wohl nicht mitteilen

Es ist anzunehmen, dass Amazons CEO diese Betrachtung seiner veröffentlichten Zahlen nicht wünscht. Es ändert aber nichts an dem Umstand, dass in aller Deutlichkeit jeder KMU und jeder Händler erkennen sollte, dass die Chancen, erfolgreich auf Amazon zu handeln, äußerst gering sind.

Oder: Mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 95% werdet ihr großartig scheitern!

Das Blendwerk der Propheten

Und jetzt überlegt einmal, wer euch in eurem Umfeld so alles erzählt, dass er erfolgreich auf Amazon handelt? Viele? Und jetzt setzt das einmal in den Kontext der gerade veröffentlichten Zahlen. Die meisten werden euch also anlügen!

Warum?

Weil sie tatsächlich nicht erfolgreich sind und durch Zusatzgeschäfte, wie Beratungen, Veranstaltungen oder Kurse, euch Geld aus der Tasche ziehen wollen.

Fazit

Der ‚Letter to Shareholder‘ war eine Steilvorlage, das Drama der Amazon Merchants einmal deutlich und valide aufzuzeigen. Und willkommen ist das Zahlenwerk auch, um die Blender rund um das Amazon-FBA-Business zu enttarnen.

Aber: Die Zahlen sagen NICHTS, aber rein gar nichts darüber aus, ob denn andere Marktplätze, wie z. B. eBay oder gar andere Kanäle, z. B. ein eigener Shop, erfolgreicher für die Händler wären.

Diese Kausalität, also Amazon als Kanal sei schlecht, zu sehen, wäre in meinen Augen nicht nur falsch, sondern auch grob fahrlässig. Nicht der jeweilige Kanal ist schlecht, sondern die Händler sind die Ursache. So jedenfalls meine Vermutung und These.

Was denkt ihr? Seid ihr so schlecht oder ist es doch nur der Kanal?

Und btw.: Wenn ihr Herausforderungen bei euch seht, dann löst sie. Denn grundsätzlich habt ihr Potential. Das GMV was euch Marktplätze bieten ist phänomenal. Hebt die Schätze!